Geschichtlicher und sozialer Hintergrund:


Es war der gewaltige Einfluss von "Hair" auf die Menschen des Jahres 1968 - besonders auf die Jugend - der dieses Musical zu einem Phänomen machte.
Geschrieben von James Rado und Gerome Ragni (Text), zwei jungen Schauspielern, und vertont von Galt MacDermot, war es nicht als "normales" Musical konzipiert, sondern als "Happening" auf der Bühne, das die Träume, Probleme und Ängste der damaligen Jugend ausdrücken wollte, dargestellt von Jugendlichen für Jugendliche.
1.873 Aufführungen am Broadway (1968-1972) mit James Rado und Gerome Ragni in den Rollen von Claude und Berger und 1.998 Aufführungen in London (1968-1972), 2 Jahre in Los Angeles, 2 Jahre in Australien, sowie Vorstellungen in Schweden, Brasilien, Argentinien, Finnland, Frankreich, Italien, Israel, Japan, Dänemark, Norwegen, Kanada, Jugoslawien, Holland, der Schweiz, Deutschland und Österreich trugen ihren Teil dazu bei, nicht nur die Jugend der damaligen Zeit weltweit von der Sinnlosigkeit des Vietnamkriegs zu überzeugen, sondern auch sein Ende herbeizuführen.

Viele Neuproduktionen von "Hair", das seit den 90ger Jahren durch die Golfkriege einen Wiederaufschwung als Antikriegsmusical genießt, versuchen Musik und Handlung unserer Zeit anzupassen und stellen den "Stamm" (die Akteure) als eine Gruppe ausgeflippter Jugendlicher dar, die entweder Außenseiter, verträumte Individualisten oder Spinner sind, die sich der Gesellschaft und ihren Regeln widersetzen wollen.
Im Jahr 1968 allerdings war die Situation ganz anders, und das ist es, was "Hair" zu einem geschichtlichen Ereignis macht:
Es war nicht nur ein Musical mit einer erfundenen Geschichte rund um eine kleine Gruppe Jugendlicher, "Hair" war eine Spiegelbild dessen, was 1968 in Amerikas gesamter Jugend vorging.

Die seit den 50ger Jahren aktiven Bürgerrechtskämpfer - allen voran Martin Luther King - hatten die amerikanische Jugend bereits gegen soziale Ungerechtigkeit sensibilisiert und gezeigt, dass gewaltloser Widerstand gegen eine repressive Obrigkeit sehr wohl zu Erfolg führen kann.
Als gleich nach Präsident Kennedys Ermordung 1963 sein Nachfolger Lyndon B. Johnson Kennedys Weisung, dass bis 1965 das Hauptkontingent der amerikanischen Truppen aus Vietnam abzuziehen wäre und die Verteidigung Südvietnams in vietnamesischen Händen zu liegen habe, ins Gegenteil verkehrte, begann ein Wendepunkt für die Jugend Amerikas.
4 Jahre lang ließ sich die amerikanische Jugend in einen Krieg schicken, der ihnen von der Regierung als notwendig und gerecht dargestellt wurde, dessen grausame Massaker und sinnlose Bombardierungen oft ziviler Ziele ihr aber verschwiegen wurden.
Als jedoch 1967 sogar General McNamara, der bis dahin immer mehr Truppenverstärkungen verlangt hatte, selbst zugab, der Krieg wäre nicht zu gewinnen und er daher einen Rückzug aus Vietnam empfahl, den Präsident Johnson nicht billigte, begann das amerikanische Volk sich gegen Johnson und seine Regierung, von der es sich belogen fühlte, aufzulehnen.
Ausführliche Berichterstattungen von TV- und Zeitungsreporten direkt aus dem Kriegsgebiet zeigten nun der ganzen Welt, wie brutal und zynisch dieser Krieg geführt wurde, und in den USA und der westlichen Welt entwickelten sich breite Protestbewegungen mit zahlreichen Großdemonstationen bei denen viele Jugendliche öffentlich ihre Einberufungsbefehle oder die amerikanische Flagge verbrannten. Die Regierung Johnson begann daraufhin mit der illegalen Überwachung von Friedensaktivisten durch FBI und CIA.
Im Oktober 1967 marschierten 100.000 Menschen zum Kapitol in Washington, wo Martin Luther King der Nation seine Hoffnung auf eine Gesellschaft ohne Rassismus und Gewalt verkündete.
Vor seinem geplanten zweiten Marsch nach Washington in 1968, wurde er unter mysteriösen Umständen in Memphis ermordet.
Auch der Regisseur von "Hair", Bertrand Castelli", war massgeblich an dieser Demonstration beteiligt und wurde dafür zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
Als Anfang 1968 die Fernsehzuschauer die eskalierende Gewalt der amerikanischen Truppen in Saigon und Hué am Bildschirm live miterleben konnten, schlug die Stimmung der Bevölkerung und der Medien komplett gegen Johnson um, der deshalb von einer weiteren Kandidatur absah. Ein neuer Präsident wurde gesucht, der gegen diesen Krieg war.
Etwa 500.000 junge Amerikaner, die sich dem Einberufungsbefehl nicht entziehen konnten, waren in Vietnam stationiert. Schätzungsweise 50.000 Kriegsdienstverweigerer konnten nach Kanada fliehen.
Von den 58.193 gefallenen US Soldaten waren 45.000 nicht älter als 25, und 15.000 erst 20.

Nie zuvor oder danach war es der Jugend Amerikas und der westlichen Welt gelungen, Politik und Gesellschaft derart zu verändern und zum Umdenken zu bringen.

War es in den 50ger und 60ger Jahren noch die ehrliche Suche nach neuen Wegen und Erkenntnissen, weshalb sich die Jugend vom Establishment und seinen Vertretern abwandte und von Astrologie, Bräuchen indigener Völker oder fernöstlichem Gedankengut beeinflussen ließ, so wurde leider in den nachfolgenden Jahrzehnten die damals erlangte Individualität von den herrschenden Wirtschaftsstrukturen als gut zu vermarktendes Konsumgut erkannt und der Jugend von ihren ehemaligen Gegnern - gut versteckt hinter falsch verstandenem Liberalismus - verkauft.
Waren die in "Hair" angesprochenen Drogentrips und sexuellen Freizügigkeiten 1968 noch Ausdruck des Suchens und Entdeckens neuer Dimensionen und Körpererfahrungen, werden sie uns heute als bloße Konsumgüter zur endlosen Selbstbefriedigung angeboten.

Das Zeitalter des Wassermanns, von dem das Lied "Aquarius" gleich am Anfang erzählt, ist das Zeitalter, in dem alle Menschen Brüder sein werden und sich spirituell und intellektuell auf eine höhere Stufe erheben werden, ein Zeitalter des Wissens und der Empfindungen des Herzens, ein Zeitalter der Intuition, nicht nur der Vernunft. Es ist aber ebenso das Zeitalter der Elektrizität und der Technologie.
Dies ermöglicht uns, unser Wissen mit allen Menschen zu teilen und in eine Phase zu treten, in der sich der Mensch nach anfänglicher Entzweiung zum kosmischen Menschen entwickeln kann, zu einer Höherentwicklung des Göttlich-Menschlichen und in Friede und Harmonie mit sich und der Schöpfung leben kann.